Warum wir in der NWZ-Redaktion keine EM-Tipprunde haben

 

Und es begab sich zu einer Zeit, als wir Kerle der Redaktion uns kurz vor einer Europameisterschaft wieder einmal mit Fachwissen duellierten.

„Damals, ’84, in der 57.! Als der Platini seinen Freistoß gegen Spanien direkt und so…“ – „Der Schmeichel war ja bei vier Europameisterschaften dabei …“ – „Und bei der ersten Teilnahme in 1972 haben Jupp, Gerd und Paule gleich den Titel …“

Die Kolleginnen indes hielten sich da zumeist zurück, lauschten den Ausführungen bedächtig und durchschnitten nur ab und an mit einem spitzen „Ach!“ oder zumindest geheuchelten „Tatsächlich?“ das dicht verwobene Netz aus Eitelkeit und Herrschaftswissen. Manchmal drückten sie auch nur die Tasten des Keyboards besonders laut und vor allem schnell. Sehr schnell. Und sehr laut.

ARCHIV - ILLUSTRATION - Fußballer-Figuren von Playmobil im italienischen (l) und spanischen Trikot stehen am 28.06.2012 bei dem Spielwaren-Hersteller Playmobil in Zirndorf (Mittelfranken) auf einem Fußballfeld. Im Finale treffen Spanien und Italien am 01.07.2012 aufeinander. Die Fußball-EM in Polen und der Ukraine dauert vom 08. Juni bis zum 01. Juli 2012. Foto: Daniel Karmann/dpa (zu dpa-Meldung: «UEFA-Kongress: Europäische Nationenliga kommt - Platini: Sehr wichtig» vom 27.03.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

Dann irgendwann, ungefähr sechs Stunden vor Anpfiff des Auftaktspiels eines jeden großen Turniers, kam einer auf die Idee: „Mensch, lass uns doch noch rasch ein Tippspiel machen! Ich schreib mal eben die Vorrunde auf. 15 Euro für alles, wer ist dabei?“

Jeder war’s. Natürlich. Schließlich wollte sich nach solch intensivem Vorspiel niemand die Blöße geben.

Klar, dass sich alle männlichen Tipper noch vor dem ersten Ergebnis ausrechneten, was sie mit den knapp 200 Euro Reingewinn wohl alles machen würden. Die einen wollten ganz gönnerhaft die ganze Redaktion „auf ein Kaugummi“ einladen, andere wähnten sich bereits mit selbst gedrucktem Gewinnershirt „Tippkönig!“ beim nächsten Heimspiel auf Schalke. Inklusive Pommes rot-weiß. Quasi auf Redaktionskosten.

Die Frauen – zumindest in diesen Räumlichkeiten des Fußballs nun so gänzlich abgewandt – galten dabei lediglich als Sponsoren. Sie machten trotzdem mit. Für’n Spaß.

Während die Männer nun also die Vorrunden stundenlang mit breitem Grinsen, ausufernden Erklärungen ob Leistungsstärken und -bereitschaft und etwaigen Turnierverläufen der letzten Jahre durchtippten, ging es beim anderen Geschlecht deutlich schneller. „Dänemark gegen Portugal? Ach, in Lissabon habe ich schon mal einen tollen Urlaub verbracht, da trage ich eine 2 ein.“ – „Schweden gegen England … mhmmmmm… die Beatles finde ich super. Eine 2.“ – „Spanien gegen Italien! Hui! Das ist schwer. Meine Nachbarin ist Spanierin, aber die Italiener haben immer so schöne Trikots. Da kann ich mich nicht entscheiden. Also eine 0.“

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Die Kerle – übrigens auch die Kollegen aus der Sportredaktion – schüttelten da nur die Köpfe, überschlugen sich abwechselnd in Gelächter und Wortwitz, verplanten gedanklich derweil weiter ihre nun um so sicheren Gewinne.

Zumindest bis die Vorrunde beendet war.

Immerhin: Von den beiden Kolleginnen, die sich das Preisgeld für Platz 1 wegen gleicher Punktzahl und bei haushohem Vorsprung auf die Mittipper teilen mussten, gab es anschließend ein dickes Trost-Eis für uns Kerle. Mit Fußball-Waffel.

In diesem Jahr haben wir übrigens auf ein Tippspiel verzichtet. Es gibt ja auch Wichtigeres im Leben.

(Fotos: dpa (2), imago)

Marc Geschonke

Marc Geschonke

Redakteur Stadt Oldenburg bei Nordwest Zeitung
Sein Fußballherz schlägt blau-weiß, in der heimatlichen Arena auf Schalke sogar 90 Minuten im Uptempo. Da Oldenburg fremden Kulturen aber sehr tolerant begegnet, kann er hier ganz offen darüber reden. Das macht er dann leider auch. Zu oft, zu lang, zu überschwänglich.
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